Mediation als Schlichtungsverfahren und Konfliktlösungsmethode?

Mediation ist ein Schlichtungsverfahren. Es schlichtet dort, wo die Beteiligten eines Konflikts allein nicht mehr weiter kommen.Geschlichtet wird die Dynamik, die den Konflikt immer wieder destruktiv befeuert, um dennoch zu keinem Ende zu führen.

Durch die (erfolgreiche)Mediation wird Einvernehmen und innere Ruhe gefunden.

Wenn man sich den freien, unreflektierten Konfliktverlauf als sich zu spitzenden Prozess vorstellt (Stadien bei Glasl), dann ist eine Mediation ab einem bestimmten Punkt angesagt, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

1. Bedenken, der optimale Zeitpunkt: (Erfolgreiche ) Mediation beruhigt also. Schon von ihrem Grundverständnis her mindert sie die empfundene, feindliche Gegenüberstellung der Antipoden.

Gelingt ihr das nicht, so stellt sich die Frage: Hätte man früher schlichten müssen? Denn wichtig für den Erfolg ist der richtige Interventionspunkt, der gute Zeitpunkt für eine Mediation. Wenn zu spät eingegriffen wird, dann läuft der destruktive Prozess doch weiter, trotz aller Bemühungen.

Nicht nur wenn zu spät, sondern auch wenn zu früh interveniert wird, hat das m.E. ungute Wirkungen: Die Parteien holen den Schlichter, weil sie sich allein eine Wende nicht mehr zutrauen. Sie stellen ihre eigenen Bemühungen, den Konflikt klären zu wollen, eigentlich ein. Der Experte bringt uns auf die sichere Seite, so die Hoffnung. Wir fügen uns dem mediatons-eigenen Procedere. (In etlichen Milieus ist der Ruf nach dem Konfliktexperten, als der der Mediator angesehen wird, recht schnell bei der Hand, quasi „selbstverständlich“.)

2. Bedenken, implizites Lernprogramm: Die Folge ist, es wird dort geschlichtet, wo vertiefte Auseinandersetzung eigentlich nötig wäre. D.h. die Klärungs-Kompetenz der Kontrahenten wird nicht genügend gefordert. Eine zu frühe Schlichtung kupiert die Eigenbemühung der Vertiefung und orientiert auf Lösung. Ihr Ziel ist Beruhigung und nicht „gehen wir mal rein in die Tiefe“.
Vor einer externen Schlichtung – als Ausdruck mangelnder eigener Kompetenzen – sollte m.E. unbedingt eine längere „Konfliktaustragungsphase“ stattgefunden haben.

Was sind nun gute Bedingungen, die für die als notwendig behauptete Anstrengung, die Kompetenzerwerb ist, sorgen?

Ein Schlichtungsverfahren vermittelt Frieden, Perspektivenverschränkung, Ausgleich, Beruhigung eben.

Eine (vorherige) konstruktive Konfliktaustragung legt dagegen Wert auf
1. Eigeninteresse vertreten
2. Artikulationsfähigkeit stärken
3.Kompromissbereitschaft und -fähigkeit entwickeln.
Erst wenn diese drei Tugenden an ihre Grenzen gelangen, ist Mediation angesagt.

Eigeninteresse: Was ist es, wie lautet es? Mit welchen Argumenten stehe ich dafür? Ist es, finde ich es, legitim? Wie gefühls-beladen (Grundbedürfnis dahinter) ist es?

Artikulation: Wie viel Gefühl/Zorn, Verbitterung ist im Vortragen zuträglich? Einwand gegen die „Immer sachlich-Fraktion“: Ein trockenes, rationales Argument für meine tiefsten Wünsche erscheint wenig glaubwürdig und führt nicht zum Ziel. Ein wütendes Bestehen auf … bringt andererseits das Gegenüber in eine abgrenzende Verteidigungstellung (Angst),

Ein Bewusstsein/Wissen über die gleichsam richtige wie wirksame Form der Interessenartikulation muss errungen werden.

Kompromiss: Es geht nicht um einen Konsens, sondern um einen tragfähigen Kompromiss (Suchprozess des Gebens und Nehmens).

Die spätere Frage lautet also: Wie weit bin ich bereit, von meinen Forderungen abzugehen? Wie lautet mein Entgegenkommen konkret? Kann ich das Entgegenkommen des Anderen sehen und (artikuliert) schätzen?

Also Kampf für das Eigene sowie Zugeständnisse für die Einigung. Darum sollte es in der Phase vor einer Mediationsintervention gehen. Schlichten sollte auf jeden Fall folgen auf eine Auseinandersetzungsphase, die ihren Namen auch verdient. Diese „Vor-Phase“ darf nicht einfach frei (als freie Schlacht/ freier Markt) ablaufen und entsprechend enden.

Auch hier hilft Übung und professionelle Begleitung. Die Konfliktklärung , die die Auseinandersetzung – mit sich und dem anderen – fördert, lehrt nicht Friedfertigkeit oder Konfliktfreiheit, sondern Freude am Konflikt und an der wachsenden Kompetenz in Konfliktaustragung!

Nur durch eine positive Sicht von Konflikten können wir hoffen, dass ein Mediator nicht zu früh gerufen wird. Denn das Verlangen nach „Frieden“, nach „Lösung“ drückt häufig eine Fortsetzung der altbekannten (familialen) Konfliktscheu und Bequemlichkeit aus.

Man kann Streite schlichten, aber ob sie die Kontrahenten auch befähigt, Konflikte besser auszutragen, bezweifele ich in den meisten Fällen. Denn es geht um die Klarheit der eigenen Person, vor dem Einfühlen in den anderen. Wir sollten nicht des Friedens willen klein beigeben, aber auch die Klarheit gewinnen, dass wir – in sozialen Lebensumständen – nicht 100 Prozent unseres Verlangens erreichen können, dass Kompromiss gesucht werden muss. Das ist ein vielleicht schmerzlicher aber produktiver Lernprozess.
Mediation, die als das allgemeine Konfliktlösungsverfahren auftritt und sich expansiv ausbreitet – so erlebe ich es – ist mit dieser Ausblendung ihrer Grenzen (Stärken und Schwächen) letztlich kontraproduktiv.

Exkurs: In den Tarifverhandlungen – die immer mit einem Kompromiss enden – wird es deutlich: beide Seiten erzielen lediglich darüber Konsens, dass das ausgehandelte Verhandlungsergebnis für beide Seiten tragbar ist. An der konträren Stellung zueinander hat das nichts geändert: die einen wollen die Lohnkosten möglichst niedrig halten, die anderen möglichst hohen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Konsens ist hier lediglich, dass der momentane Kompromiss ein guter ist.

Wer auf Schlichtung im Sinne von Konsens aus ist(das ist Mediation von ihrem Selbstverständnis), kennt den Abstand zwischen persönlicher Forderung und dem erzielten Kompromiss nicht wirklich. Sein Ziel ist es, den Konflikt zu beseitigen, still zu stellen. Konfliktklärung dagegen muss erst einmal von der Erreichbarkeit eines fairen Kompromisses zwischen zwei legitimen Positionen ausgehen. Ein Ansatz der Konsenssuche ist also nicht förderlich, wenn es um Interessengegensätze und Aushandlung geht. Das Mediations-(GfK)-Repertoire und die Grundhaltung widersprechen dem, worauf es zuerst ankommt: Konflikt/Interessengegensatz ist normal, ist gut und nötig. In der Form sollte die Auseinandersetzung zivilisiert/ritualisiert sein, aber es sollte nicht das Konfliktpotenzial befriedet werden.

(Teil 6)

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Supervisorinnen, Prostituierte usw.

(Folgende Aussagen gelten auch für Männer! Aber ich habe die weibliche Form gewählt, weil….)

Die professionelle Prostituierte ist Expertin für Teilaufgaben – wie alle Experten. Sie stellt „Teile“ ihre Körpers und ihren geschickten Umgang damit gegen Geld zur Verfügung.

Sie bemüht sich dabei, zwischen ihrem verliehenen Körper und ihrem eigentlichen Sein zu unterscheiden. Wenn der Kunde mehr als diesen „öffentlichen“ Teil benutzen will (z.:B Küssen), dann wird abgelehnt oder ein erhöhtes Honorar verlangt. Oder es wird kompliziert, sobald ihr „Dienstleistungsangebot“ mehr als einfache, zusätzliche körperliche Verrichtung ist/wird. Andererseits: Nur wenn dieses äußerliche, technische Zusammenfinden in der Fantasie des Kunden, im Schein, überschritten wird („Die mag mich etwas“, „Die meint mich“, „es ist fast wie echt“.), kann genügend Befriedigung/Zufriedenheitsgefühl erreicht werden. Allerdings mit der Dauergefahr dass die Illusion vorzeitig aufbricht.)

D.h., eine Trennung zwischen beruflichem Tun und privater Person ist für die Prostituierte sozusagen professionelle „Kernkompetenz“, obzwar sie diesen Unterschied zum besseren Schein immer wieder verwischen muss.

Ähnlich macht es die Supervisorin.

Auch Supervisorinnen benutzen ihre besondere menschliche Kompetenz und Eigenart. Sie arbeiten mit ihr und durch dieses persönliche Potenzial. Ihr Wahrnehmungs- und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit andere zu stärken, zu schützen – teilweise sogar ihr Helfersyndrom – etc. ist ihr Kapital. Freundschaftliche, mütterliche, väterliche Haltung und Verhalten setzen sie in der Beratung – neben Fach-Tools – als Instrument ein. Die Prostituierte tut dieses auch. Beide bringen die – scheinbare?, zumindest begrenzte – eigene Offenheit und Interessiertheit ein. Das schafft Vertrauen, denn ein Minimalmaß davon ist nötige Basis für ihr professionelles Gelingen.

Allerdings: Die Supervisorin, die zu viel positive Gefühle für ihren Supervisanden entwickelt, verliebt sich in ihn und verlässt damit die Geschäftsbeziehung. Die professionelle Qualität schwindet, ihre „persönliche Ausstattung“ wird dann wichtiger. Wenn also die professionell gelernte Abspaltung – unter der der Klient „leidet“ – auch den Professionellen nicht mehr gelingt, wenn sie also „gesund“ (als Gesamtperson) reagierten, höbe sich die Geschäftsbeziehung „eigentlich“auf, Damit werden sie schlechte Supervisorinnen, d.h. also auch schlechte Geldverdiener.

Bei der Prostitution gilt das noch stärker.

P und S sind Schauspieler. Sie müssen etwas vorgaukeln. Sie vermitteln: „Dein Anliegen ist bei mir in guten Händen, es bedeutet mir als Person etwas“. Ohne diese Illusion der – wenigstens ansatzweise eingebrachten – Authentizität, an die alle Beteiligten mehr oder weniger glauben (müssen), stellt sich kein positives Ergebnis der Interaktion ein. (Ekel oder Ablehnungsgefühle auf beiden Seiten führen nur selten zum versprochenen Ergebnis )

P und S wollen in erster Linie Geld verdienen. Ohne diesen Geldbedarf würden sie mit dem jeweils anklopfenden „Kunden“ keinen Kontakt aufnehmen oder halten. Offen dazu zu stehen, können und dürfen sie aber nur beschränkt.

Warum ist das zu kritisieren und nicht einfach zu akzeptieren?

Es sei doch ein Job der persönlichen Dienstleistung, wie jeder andere – sagen ganz Fortschrittliche. Es gibt eben auch „Sexarbeiterinnen“, ganz selbstverständlich.

Das alles ist Problem, weil immer mehr besondere Funktionen/Bedürftigkeiten des menschlichen Lebens ausgegliedert werden. Für Geld wird die Stillung dieses „zahlungskräftigen Bedarfs“ versprochen. Die Befriedigung einzelner, menschlicher Bedürfnisse wird er- und gekauft. Der Kaufakt zwischen Käufer und Verkäufer ersetzt den gleichberechtigten menschlichen Kontakt. Menschlicher Kontakt und ein Kaufakt erfordern und fördern (!) allerdings vollkommen andere Voraussetzungen bei den Beteiligten, auf beiden Seiten und auch in ihnen als Person.

Wer über genügend Geld verfügt, kann sich diese „Fehlstelle“ zusammenkaufen, wer nicht , der muss im „richtigen Leben“ weiter suchen.

Das Kontaktverhältnis dieser „Dienstleistung am Menschen“ bleibt ein instrumentelles. Der andere interessiert nur so lange, wie er das Geldverdienbedürfnis des einen oder die „Erleichterung“ des anderen befriedigen kann. (Wer nicht zahlt, …) Beide Seiten müssen den anderen immer auch als Instrument sehen und ihm etwas vormachen. Die Freiheit, auf dem Markt als Selbständige auftreten zu können , hat eine Kehrseite. Denn hier findet kein harmloser Markttausch statt, sondern Menschen behandeln ihre Interaktion als Ding- oder Warenverhältnis und entwickeln logisch auch solch eine Beziehung zu einander , sie verlieren dadurch selbst aber immer mehr an Würde. (Bei Einlassungen, die an/über die Grenze gehen , entwickeln viele („Kunden“ wie Professionelle) noch ein spontanes Unbehagen mit ihren Tun.)

Insgesamt schult diese „Normalität“ der „personenbezogenen Dienstleistung“ ein Abfinden mit reduziertem, abgespaltenem Leben. Und durch die Normalisierung dieser Geld-vermittelten Kontakt-Verhältnisse(M.E. eine Erscheinungsweise von neoliberalen Denkmustern) werden sie auch immer wieder stabilisiert. Letztendlich entsteht kein ungutes Gefühl mehr bzgl. dieser Reduzierung und auch keine Revolte dagegen. Vom „richtigen Leben“ wird zwar geträumt, aber nicht mehr wirklich etwas gewusst, geschweige denn, dass es wirklich angestrebt würde.

Deswegen ist diese Form von Verdienstleistung, von immer mehr gesellschaftlichen Bereichen, – über mein Coach, mein Therapeut, mein Supervisor, mein „Masseur“ hinaus – ein Weg zur weiteren Abspaltung von ursprünglich Ganzheitlichem. Aber auf diese Überwindung der künstlichen Trennung sind die gesellschaftlichen (modernen)Angebote gerade nicht angelegt, im Gegenteil diese Professionalisierung arbeitet dagegen.

Frieden durch Marshall Rosenberg?

Allround-Tool GfK für Zwischenmenschliches, Arbeit und Politik

Seit schon vielen Monaten werden wir in der politischen Bildung, sowie in der Konflikttrainings-Szene der beruflichen Bildung und sogar in alternativen Kreisen mit Seminaren, Tagungen, Vorträgen, Aktionen im Sinne von Marshall Rosenberg aus den USA überschwemmt. „Gewaltfreie Kommunikation“(GfK) ist wieder In (mehr als in den 70er Jahren) und entsprechend ausgerichtete Mediationsausbildungen schießen immer noch aus dem Boden.

Hier beansprucht ein vorwiegend psychologischer Ansatz über formale Kommunikationsregeln beizutragen „zum friedlichen Miteinander auf der Mikroebene, zum Frieden in der Welt auf der Makroebene“. Deutsche Rosenberger (Versöhnungsbund) wollen mit gleichem Konfliktbearbeitungs-Ansatz weltweit den sozialen Wandel (zum Frieden?) wie auch die persönliche Entwicklung (über Workshops) voranbringen. (Siehe beispielhaft Nov.-Heft 08, www.contraste.com.)

Das scheint mir zu omnipotent bzw. vernachlässigt Wesentliches und stellt schlechte Licht-Verhältnisse her, in denen alle Katzen grau erscheinen.
Es wird der Anschein erzeugt, als ginge es überall um Kommunikation. Das stimmt insoweit, als in allen Bereichen, wo Menschen miteinander zu tun haben, sie kommunizieren müssen. Mehr oder weniger gelingende Kommunikation ist also die Voraussetzuung eines gemeinsamen Geschehens. Konfliktklärung darf allerdings nicht auf Techniken zur Kommunikationsverbesserung( 4 Schritte) reduziert werden.

Man geht an dem Kern des jeweiligen Bereichs vorbei, wenn man sich auf die Form konzentriert, auf formale Kommunikationsregeln. Auch wenn die Protagonisten sich dabei um eine „Haltung der Guten“ (der sog. Giraffen) bemühen.

Es gibt drei Bereiche, in denen den auftretenden Konflikten m. E. unterschiedlich zu begegnen ist

  1. Zwischenmenschliches/Intimität („Liebe“/Beziehung)

  2. Beruf/Arbeit (Produktion/Leistung)

  3. Politik (Ordnung des Gemeinwesens/Demokratie)

. Es herrscht ein jeweils wesentlich anderer „Sinn“(Daseinszweck) in diesen drei Bereichen (siehe Klammern)! Deswegen sind sie ja auch nur unterscheidbar, sonst wären es alles lediglich Kommunikationsgelegenheiten.

Der Ansatz der GfK übersieht – in seiner Unbescheidenheit – das m.E. vollkommen, wenn er den subjektiven persönlichen Aspekt des Gefühls und der Bedürfnisse der Konflikt-Beteiligten so in den Fokus stellt. Er reduziert und trennt die Bereiche auf diese Weise von dem, worum es den darin Agierenden „eigentlich“ geht: nämlich um „Inhalte“ – mögen auch die individuellen neurotischen Anerkennungsbedürfnisse der Agierenden immer wieder nach vorne durchschlagen.

Ich blicke jetzt weiterhin nur auf die beiden Punkte 3 und 2:

In der Politik geht es ohne Zweifel um Durchsetzung von Vorstellungen, um Mehrheitsbeschaffung und Interessendurchsetzung. (Mögen die dafür nötigen persönlichen Kontakte auch noch so spannend sein). Win-win-Konstellationen sind dort objektiv Mangelware und die Bedürfnisse einzelner Menschen, z.B. der Verhandelnden, spielen nur taktisch eine Rolle im Sinne von: „Wie muss ich auf ihn/sie eingehen, damit er/sie mir zuhört“? (Diese Art taktischer Un-Authentizität begegnet mir bei der sich authentisch verstehenden GfK durchgehend, folgt man ihren regelfixierten Anhängern in der Praxis und ihren Publikationen).

Diese Kommunikations-Frage ist zwar sehr wichtig – denn ohne Zuhören gibt es keine beiderseitige, abgestimmte Bewegung – doch wichtiger ist die Frage der Macht und die der Interessen!

Eine herrschafts kritische Perspektive (reale(!) Gleichheit, Einfluss, Gerechtigkeit) ist schon während des Diskurses sorgfältig zu beachten und natürlich auch im Ergebnis, in der Konfliktlösung.

Wenn heute in den Betrieben Auseinandersetzungen zwischen Angestellten und Leitung oder auch zwischen Kollegen untereinander betrachtet werden, dann geht es im ersten Fall auf jeden Fall immer auch um Macht, im zweiten häufig ebenfalls. Es geht um „Kompetenzen“, Zuständigkeiten, um Interessendurchsetzung. Welche Sichtweise (erkanntes Interesse) setzt sich letztlich durch, wonach wird vorgegangen. Egal, wie friedlich man kommuniziert hat. Friedliche Zivilisiertheit ist natürlich für den Ablauf weniger störend und kostet die Beteiligten weniger Zeit und Nerven. Dafür ist sie gut.

Wichtig scheint mir hier die Unterscheidung zwischen subjektivem Bedürfnis oder der persönlichen Gefühlslage einerseits und objektivem Interesse andererseits. Eine (erreichte) Position bedarf – wenigstens zum Erhalt – ihrer Interessenverfolgung im Machtgefüge der Organisation. Das macht der Rolleninhaber (Stelleninhaber), das ist seine Aufgabe. Versäumt er dieses(geht er nach seinem evtl. abweichenden Individualbedürfnis und nicht nach dem Interesse der Organisation), so kann er seine Funktion nicht erfüllen und ist fehl am Platz.

Die Struktur produziert/reflektiert also Interessen, die von den vielfältigen Bedürfnissen der Individuen im Großen und Ganzen abstrahiert, bzw sie instrumentalisiert. Wir sollten also (wieder) zwischen Bedürfnis (subjektives Mangelerleben) und Interesse (Macht, Zuständigkeit) unterscheiden.

GfK setzt m.E. nur bei ersterem, beim Persönlichen (Was möchtest du, wie geht es dir, welche Bitte höre ich? usw.) an – was nicht überflüssig ist – und hofft so dem „Frieden“(??) näher zu kommen.

Der berufstätige und öffentlich tätige Mensch darf nicht über die inhaltsleere Kommunikationsbrille, quasi von seinen Funktionen abstrahierend, betrachtet werden. Dann würde er automatisch auch von seiner Verantwortung als Funktionsträger entlastet und als Individuum schon gar nicht gesehen. Das ist m.E. überhaupt nicht förderlich. Im Gegenteil, eine produktive Konfrontation zwischen „Privatmensch“ und „Funktionsmensch“ stände an. (Also auch zwischen Inhalten und formalem Vollzug) Beispiel: Die engagierten oder zuverlässigen KZ-Schergen waren nicht selten privat tierliebende und musisch interessierte Menschen – die brutal mordeten.

Dieser zweite, abgespaltene Teil interessiert. An Integration und Integrität mangelt es. Hier ist Konfrontation der Widersprüche angesagt, nicht (in erster Linie!) zusammenbringendes, empathisch geschultes Verständnis.

Verständnis sollten wir aufbringen für einen leidenden Täter-Menschen in der therapeutischen Gruppe, aber nicht für den unkritischen, soldatisch brav funktionierenden Erfüllungsgehilfen in der betrieblichen Öffentlichkeit oder gar internationalen Politik.(aktuelles Beispiel: Banken- und Finanzkrise)

Diagnose, Kritik, Anklage, Bewertung und „Schuldzuweisung“, sowie ihre jeweilige kritische Überprüfung, gehören in eine öffentliche Konfliktkultur. Hier sollten wir uns um abgrenzende Unduldsamkeit und Offenheit zugleich bemühen. Das gilt es zu lernen.

GfK schleicht sich m.E. um diese Macht-, Kompetenz-, Grenz- und Verantwortungsthematik herum. Meines Wissens besitzt dieser individuelle, psychologische Ansatz auch keine (Erforschungs-) Kategorien dafür oder verbannt jene (wie z.B. Diagnose, Kritik, Bewertung, Machtanalyse) in die böse Welt der unterentwickelten „Wölfe“. (Schon diese abstruse, einfache Aufteilung zwischen Wölfen und Giraffen scheint mir mehr „amerikanisch“ als im positiven Sinne komplexitäts-reduzierend zu sein.)

Die gegenwärtige Konfliktkultur, in der Politik und noch mehr in der Berufswelt (Stichwort Mobbing), bedarf gerade nicht zuerst der Empathie für die Gegenseite (deren Bedürfnisse!), wie es z.B. auch die „Rosenbergs“ unter den Coaches fordern, sondern es mangelt uns vielen vielmehr an Mut und Kompetenz, die wirklich eigene, auch abweichende Position zu spüren, zu schärfen, zu profilieren und nach außen zu vertreten. Erst damit, mit dieser eigenen Klarheit wird man auseinandersetzungs- und verhandlungsfähig. Das erfordert eine Analyse der eigenen Interessenlage, der eigenen Bedürftigkeit, der eigenen Kompetenzen und Motive und letztlich freudige Konfliktbereitschaft.

Es mangelt m.E. also heutzutage in erster Linie an Zivilcourage. Danach erst fehlt es an –relativierendem ! – Verständnis für die andere Seite. Eine vorschnelle Fokussierung auf die angenommenen Rechte, Gefühle, Wünsche und Befindlichkeiten des anderen („Er ist ja auch nur ein Mensch.“ – Was wahrlich wirklich nicht vergessen werden sollte), gerade das führt offensichtlich zu einem kontraproduktiven, allgemein so sehr verbreiteten, widersprüchlichen Orientierungs-Sammelsurium. Hinter diesem orientierungslosen Orientierungsrahmen versteckt sich nur mühsam die Einstellung eines duldsamen, „passivierenden“ aber auch egozentrisch aggressiven Grundcharakters: „Man kann eh nichts machen“, „Wir sitzen alle in einem Boot“, „Halte dich da raus“, „Das kann ich nicht beurteilen“. „Reichtum macht auch nicht glücklich“, „Jeder sollte bei sich anfangen“, „Leben und leben lassen“,„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ „Jeder ist sich der nächste“, und „Jammer, Jammer, Jammer, Moser, Moser, Moser….“

(Teil 5-2)

Die gewaltfreie Kommunikation – verdirbt die Sitten.

Ich beginne meinen angestauten Frust – über den kaum aufhaltbaren Siegeszug der GfK/Mediation – zu Papier zu bringen, indem ich sammle und nicht in die Tiefe gehe. Durch 3 Beispiele und 10 Punkte.

Nach der GfK gibt es für eine gelingende Kommunikation vier voneinander zu trennende Schritte:

Wenn a, (Wahrnehmung)
dann fühle ich mich b (Gefühl),
weil ich c brauche(Bedürfnis .
Deshalb bitte ich dich d (Bitte ).

Drei Beispiele für Gegen-Aggressionen und Frust, die sich einstellen, wenn man ungewollt zu viel mit dem lieben Approach von GfKlern zu tun hat:(In Abwandlung/ ja Entstellung der Beispiele von Stangl, s.u.

1.Kommunikation zwischen Mutter und 15 jährigem Sohn

Beispiel als Selbstmitteilung

1. Beobachtung: „Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema „Schule“ sprechen will.“
Ja, da flog eben ein interessanter Vogel vorbei.“

2. Gefühl: „Ich fühle mich besorgt und auch etwas ratlos, …“
Stimmt nicht, du bist eher schon genervt und wütend, ich kenne dich.“

3. Bedürfnis „… weil ich wissen möchte, wie es dir in der Schule geht und auf welche Weise ich dich unterstützen kann.“
Glaube ich dir nicht, es geht dir wieder mal um dich selbst.“

4. Bitte: „Bitte sage mir, was du brauchst, um mit mir darüber zu reden zu können.“
Ich brauche jetzt Ruhe vor dir und deiner bemühten Empathie.“

2.Beispiel, wie GfKler einfühlsam Zuhören

Beobachtung: „Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema“Schule“ sprechen will.“
Ja, so sammle ich mich, um dem Bevorstehenden mit dir gewachsen zu sein.“

2. Gefühl: „Kann es sein, dass du ziemlich genervt bist?“
Ja, besonders, wenn du mir so fürsorgend-pädagogisch kommst.“

3. Bedürfnis: „… und du im Moment einfach nur Ruhe und Entspannung brauchst?“
Ja,Ruhe unbedingt, solange du dich nicht selbst mit deiner Methodik infrage stellst.“

4. Bitte: „Möchtest du, dass wir zu einem anderen Zeitpunkt darüber reden?“
Ich möchte, dass du endlich den Mut hast, authentisch zu sein. – Oder ist das nicht vorgesehen?“

3. Eine weitere Form, Contra zu geben und den Lehr-Dialog des GfK auf die Realität zurück zu holen.
Aus einer GfK-Anleitung und mein spöttischer Kommentar, indem der Angesprochene (potenzielles Bekehrungsopfer) versucht, die Helferperspektive des GfKlers zu durchbrechen, ja zu wenden.

Ich sehe A….
A war gar nicht vorhanden, sondern im Gegenteil…, ich habe es ganz anders gesehen.

Gefühl B : Ich habe das Gefühl…
Ja, das ist dein pathologisches Gefühl, das kenne ich von dir, damit schleppst du dich schon klagend durch das bisherige Leben.

Ich brauche…
Ich bezweifle, dass du es brauchst. Wenn die Außenwelt darauf eingeht, dann läuft immer wieder die alt bekannte Spirale bei dir .
Ich verstehe, dass du meinst, dass zu brauchen, aber ich muss dich leider enttäuschen, sondern konfrontiere dich mit meiner echten Reaktion, vor der du dich gerade wieder – wie seit Jahren – , durch „ich brauche von dir….“zu schützen versuchst.

Ich bitte…..
Ich glaube dir nicht, ich wittere Manipulation hinter deiner „Bitte“. Unter diesen Umständen, kann ich deinem Wunsch nicht nachkommen.

Diese „Dialoge“ bringen einen abgelehnten, aber aufrichtigen GfKler auf die Palme und aus seiner Haut. Er(besser sie) kann mit so viel „Destruktivität“, mit so viel „Spielverderberei“ nicht umgehen und bricht häufig ab..

Jetzt einige kritische Aspekte der Methode gegenüber.

1. Mit GfKlern ist nicht gut streiten. Sie verstecken sich, äußern selten offen ihre Meinung, bzw. halten sie zurück, weil sie ja Giraffen bleiben wollen.
GfK basierte Gespräche zeichnen sich nicht durch eine Debatte und gute Streitkultur aus, sondern buttern unter, indem sie vom Schlichten, Ausgleichen und Relativieren nicht lassen wollen. Für eine Demokratie ist diese Haltung nicht gut

2. Die falsche, voreilige Polarisierung zwischen Frieden gleich gut und angeblich „Krieg“ gleich böse, sollte nicht zugespitzt sondern abgebaut werden.

Die simple Giraffen-Wolfs-Denke ist mindestens zu „unterkomplex“ , entspricht nicht der Welt und sollte wegen dieser Illusionskonstruktionen (z.Bsp. auch win-win) auch nicht unterstützt werden.

3. Allergisches Reagieren auf wölfische Wut und Ärger, der eigenen und der der anderen ist weit verbreitet.
Dabei sind das
menschliche Lebensäußerungen, die nicht diskriminiert werden sollten. Ein Gefühl ist nicht giraffisch und das andere, das Böse,  zu vermeiden. Viel zu einfach! Die Katze, die Mäuse fängt, ist nicht böse.

4. Interesse, Bedürfnis, Position
GfKler wollen von den Positionen zu den Bedürfnissen vorstoßen. So einfach ist es m.E. nicht. Die Position ist m. E. eine vorläufige (also veränderbare) Stellungnahme, kein Monolith!. Ihr kann ein Bedürfnis zugrunde liegen oder auch nur eine  Konvention, bzw. Machtverteilung. Das Bedürfnis kann dem eigenen Interesse entsprechen, kann aber auch davon abweichen.

Beispiel: Wenn der Bauer Interesse an einer guten Getreideernte hat, dann muss er rechtzeitig zur Aussaat schreiten. Sein Interesse im Herbst lautet „Zeitige Aussaat“ fürs nächste Jahr. Sein wirkliches Bedürfnis kann zu der Zeit allerdings lauten: Nach den diesjährigen, anstrengenden Erntetagen jetzt erst mal zwei Wochen ausspannen.
Objektives Interesse und subjektives Bedürfnis fallen hier auseinander.

5. Frieden als Ziel bedeutet gleich Eliminierung von Konflikt und Widerspruch. Das ist ein statisches und idealistisches Weltbild. Konflikt, Differenz und Widerspruch als Movens und Lebensenergie werden nicht erkannt, sondern gar bekämpft, im Sinne der Friedfertigkeit.

6.Dankbarkeit und Wertschätzung
Das sind psychologische Kategorien, die historisch-gesellschaftlichen Strömungen unterliegen. Heute gesellen sich Wirksamkeit und Achtsamkeit als Schlagworte hinzu. Es wird kein Zufall sein, dass sie auch von Gläubigen/Kirchen vertreten werden. Liegt hier eine begrüßenswerte Differenzierung vor oder eine neue entpolitisierende Instrumentalisierung/Erziehung der Bemühten?

7. Empathie
Es ist vorwegnehmende Empathie gemeint, die die man einfach haben/lernen sollte(4 Schritte sind durchtränkt von dieser Sicht), Es ist nicht die Empathie gemeint, die sich durch gemeinsames Tun, Erleben und Streiten erst einstellt.

8. „Marshall Rosenberg, Vertreter der gewaltfreien Kommunikation, bezeichnet eine aggressive Sprache als Wolfssprache, die dazu führt, dass sich der andere schlecht fühlt, sich wehrt oder ausweicht. Laut Rosenberg verursacht solche Kommunikation gegenseitige Aggression und ist gekennzeichnet durch

  • Analyse: „Wenn du das beachtet hättest …“
  • Kritik: „So ist das falsch, das macht man so …“
  • Interpretationen: „Du machst das, weil. …“
  • Wertungen: „Du bist klug, faul, du liegst richtig, falsch …“
  • Strafandrohungen: „Wenn du nicht sofort, dann …“
  • Sich im Recht fühlen
    In der gewaltfreien Kommunikation richtet man die Aufmerksamkeit dagegen darauf, was einem wichtig ist und vermeidet in der Kommunikation alles, was beim Gegenüber als Bewertung, Beschuldigung, Kritik oder Angriff ankommen könnte – daher die Bezeichnung „gewaltfreie Kommunikation“.( http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/gewaltfreie-kommunikation-rosenberg.shtml)

Das Teufelszeug: Analyse , Kritik, Interpretation – alles Dinge, ja Tugenden, die mensch als aufgeklärter Mitbürger benötigt, schulen und wagen sollte.
Wertungen —-sind wichtig zur Orientierung, sie sind nicht von vornherein Abwertungen.
Strafandrohungen —–sind nicht dienlich, weil/sofern sie herrschaftliche Zwecke unterstützen, aber Konsequenz aufzeigen ist nötig, wie auch der Verweis auf das Recht, auf sein eigenes Recht.

9. GfK in der Mediation unterstützt einen lösungsorientierten Ansatz – „positiv, konkret, gegenwartsbezogen, erfüllbar“- verhindert aber eine historische Betrachtung da “die alten Geschichten“ draußen bleiben sollen, denn sie haben bisher bei der Konfliktklärung nachweislich zu wenig genutzt.
Meine These lautet aber, eine Lösung bekommt man nur hin, wenn die Geschichte, die Genese des Konflikts bekannt ist und die Verstrickung der Beteiligten verstanden wird.
Die Lösungswege müssen die Entstehungsgeschichte reflektieren. d.h. berücksichtigen und nicht wieder unbemerkt alte Asymmetrien festigen.

10. GfK will und kann nicht ( mit Konflikten umgehen), da Konflikte gemieden und angstbesetzt bleiben und viele GfKler sich dann in die Form verlieben, d.h. auf die Einhaltung der Regeln vom Marshall pochen , um die Flasche zu zu halten. Obendrein haben sehr viele GfKler nach meiner Erfahrung eine Mission(wohl kein Zufall.) Diese Grundhaltung sollte schon reichen, um GfK kritisch und wach zu begegnen. .

(Teil 5-1)

Professionalisierung vorantreiben – in heutiger Zeit ?

Wir solten für mehr Professionalisierung eintreten
Nicht jeder beliebige Aufschneider sollte die Möglichkeit haben, zu behaupten, er kenne sich in der Sache aus. Wir sollten dem Halbwissen, dem Dilettantismus und der Oberflächlichkeit dadurch nicht zum Zug verhelfen. Gute, fundierte Arbeit/Könnerschaft muss auch gut honoriert werden. d.h. qualifizierte Arbeit muss zertifiziert und dann als solche Qualitätsarbeit anerkannt werden.

Wir sollten die weitere Professionalisierung nicht fördern
Die Professionellen behaupten sie wüssten es. In „ihrem“ Kompetenzbereich können wir vom passiven Empfänger höchstens zum „aufgeklärten“ Kunden aufsteigen. Mehr Professionalisierung treibt einerseits schmalspuriges “Fachidiotentum“ voran und schafft mehr Laien und Nichtwisser auf der anderen Seite, die angeblich keine Ahnung haben. Die Differenz zwischen beiden muss in diesem Verständnis erhalten bleiben.

Dabei wird immer häufiger klar, dass professionell nicht vorschnell mit qualitativ assoziiert werden darf. Und: Professionell und kommerziell sind im Laufe ihrer Ausbreitung innerhalb einer freien Marktgesellschaft kaum noch zu unterscheiden.

Wir sollten vor mehr Professionalisierung warnen
Jeder (Mann) meint überall mitreden zu können, und hat zugleich kein Bewusstsein darüber wie wenig er von der Materie eigentlich versteht. Das Handeln ist dann zumeist von Überzeugungen geleitet und wenig von fundiertem Wissen. Das können wir uns in einer hoch komplexen Welt nicht leisten , das ist gefährlich!

Wir sollten eine Entprofessionalisierung propagieren.
In einer Demokratie ist es wichtig, dass die Bürger sich über ihre eigenen Belange auskennen und Bescheid wissen.

Bürgerinnen müssen sich „wieder“ kompetent machen, sie müssen wieder etwas aus der zu weit ausdifferenzierten Arbeitsteilung zurück nehmen. So dass jede/r wieder Betten Machen kann, sein Klo putzen kann, Karotten anbauen, ein Fahrrad reparieren, seinem Freund die Haares schneiden kann. Und jede/r sich über natürliche Medizin auskennt. Das ist Lebenskompetenz , diese schützt vor abhängiger Gefangenschaft im kommerziellen Verflechtungsnetz.
Die der Profession eigene Diagnosegläubigkeit und ihr Therapiezwang bedienen eher sich selbst, als dass sie der Lebensbewältigung dienlich wären .

Ich glaube, die eigentliche Diskussion steht noch aus (Besonders in den Beratungsberufen) – aber gemieden wird sie schon.

Mediation und Gerechtigkeit

Vermittlung oder Wahrheitssuche?

Sind in einem Streit die „Kampfhandlungen“ und Machtpositionen der Kontrahenten relativ ausgeglichen, dann sind zumeist nur schwer eindeutige Gewinner und Verlierer auszumachen.Dann ist evtl. eine Win-win –Schlichtungsvermittlung angesagt( im Wort stecken Beruhigung und Zusammenführung), die zu Konsens oder Kompromiss führen soll.
Ist diese Machtgeschichte allerdings nicht ausgeglichen, sondern eine Seite hat von vornherein „miesere Karten“ als der andere – so wie es im Leben häufig ist (Bsp. Mobbing) – dann hat sehr schnell – besonders durch eine Seite – so etwas stattgefunden wie

– Machtmissbrauch
– (Bewusste) Benachteiligung
– Demütigung – Erniedrigung
– Unfaires Behandeln – Übervorteilen
– Verletzung (von Würde und Positionen)

dann darf dieses nicht weiter versteckt, sozus. im „Dunkeln des Vergangenen“, bleiben. Nein, derartige Verhaltensweisen gehören i.S. eines möglichst herrschaftsfreien Klimas aufgedeckt und missbilligt.
Dann ist es nötig, die Wahrheit zu suchen

  1. So war es, das geschah

  2. So sieht es A und so sieht es B

Dann muss zur Konfliktklärung eine Anklage/Beschwerde durch Geschädigte(B) und/oder Allgemeinheit ( durch Opfer-Täter-Verhandlung/Gerichtsverfahren) erfolgen, dann werden Verantwortung und Schuld gesucht. So ist es jedenfalls in einem Rechtsstaat.
Dann geht es um so „alte“ Dinge wie Sühne und Wiedergutmachung(Strafe?) durch A sowie um die Ermöglichung von „Versöhnung“ durch B, indem er verzeiht. Dann ist es wichtig, dass durch Öffentlichkeit, durch Konfrontation und Aufarbeitung hinzu gelernt wird und eine Wiederholung unwahrscheinlich.
In diesem Fall würde eine Mediation mit ihrem Win-win-Versprechen für beide Seiten nur den eigentlichen Skandal zudecken. D.h. neben dem Ankläger muss „die Öffentlichkeit“ nicht zuerst ein Interesse an Beschwichtigung/Befriedung, sondern an Wahrheitsfindung und daraufhin folgendem Ausgleich haben. Sonst ist langfristig der gesellschaftliche Friede bedroht.

Aus dieser Sicht muss man also in Richtung Anklage, Beschuldigung, Offenlegung, Beurteilung, Wiedergutmachung usw. gehen und nicht die „Wegweiser der Mediation“ – wie z.B. Lösung, Neutralität oder den Konsens – anvisieren und sie an den Anfang sowie in den Mittelpunkt der Klärung stellen. Fair sollte es bei der Wahrheitssuche allerdings selbstverständlich zugehen.
Daraus folgt, dass dauerndes, wie eilfertiges Schlichten und Vermitteln (das ist die Aufgabe von Mediatoren, man kann es ihnen nicht übel nehmen) im Effekt, „unbeabsichtigt“ gerade ein Beitrag zur Gefährdung des Friedens sein kann.

Vorher, vor dem Frieden muss – als Basis für ein friedliches Miteinander – also ein (Forschungs-) Interesse am „richtigen“ , rechtmäßigen Verhalten innerhalb der Gesellschaft bestehen. Dieses immer wieder zu suchen und zu finden ist Kernanliegen der Demokratie und darin wesentliche Aufgabe der 3.Gewalt.
Einfach nur den leichteren Weg zu gehen, indem ein fairer Ausgleich gesucht wird, ist etwas anderes und zu wenig. Von daher ist das um sich greifende „klammheimliche“ Ausweichen der Justiz in Richtung „Dealerei“ und Vergleich, oder auch die Öffnung zur Mediation weniger ein Zeichen für die Beweglichkeit und Offenheit dieses Subsystems, als in vielen Fällen ein Ausdruck für dessen Unfähigkeit seine “Kernaufgaben“ zu erledigen und letztlich für ein Desinteresse an Recht und Gerechtigkeit. Dieses Ausweichen zerstört den Glauben an die Legitimität des Rechtssystems(bzw. es hat seiner Demontage schon zugestimmt). Und ein genauer Blick bestätigt, dass es hier letztlich um Effizienz und die Kostenreduktion im überlasteten Apparat geht.

„Nicht Gleich zum Kadi rennen“ ist häufig also eine diskriminierende Forderung aus der Zivilgesellschaft, die eine Missachtung(aus Überdruss) des Rechts und des Staates widerspiegelt. Es geht aber m.E. gerade um das Gegenteil: das Gespür, die Feinfühligkeit für Recht und Unrecht müsste geschärft werden und es geht darum, über Gerechtigkeit öffentlich zu streiten, indem Gesetzeslage(Gesetze) und aktuelle Rechtsprechung sich einem engagierten öffentlichen Diskurs stellen müssen.

Davon abgesehen bleibt es im Einzelfall natürlich dennoch gut zu überlegen, ab wann man vors Gericht zieht – das schwere Geschütz – oder ob andere Wege der „Lösung“ möglich sind.
Der allgemeine Frust über die langwierige, juristische Bearbeitung von Konflikten ist also auch auf die Überlastung der Gerichte und deren juristisch-bürokratische Art der Abarbeitung zurückzuführen. Es gilt somit nicht die „kurze“ Mediation gegen die teure, langwierige Prozessiererei ins Feld zu führen, sondern die „dritte Gewalt“ mit mehr Mitteln, wirklichen Reformen und geschultem bürger-nah Personal auszustatten. Dann würde beim Staatsbürger das Vertrauen in diese Instanzen bewahrt, denn abgehobene, kaum einsichtige, wenig ambitionierte Urteile wären dann bald auf dem Rückzug. Und ein Vorschlag (von „oben“) zu einer Mediation müsste nicht sofort Misstrauen beim kritischen Bürger evozieren.
(Teil 4)

Geschichte des Verschwindens

Aus der Lebensberatung

Michael F., heute 63 Jahre alt, vorzeitiger Ruhestand, reflektiert über sein Leben. Er hatte sein Leben lang mit Schüchternheit und sozialen Ängsten zu tun. In der Biografieberatung schaut er zurück. Das Stichwort
Verschwinden“ führt ihn zu folgenden Überlegungen und Erinnerungen, die er zu Papier gebracht hat:

Wenn Gäste – und andere, fremde Menschen – in unser Elternhaus gekommen waren, musste ich als Kind irgendwann verschwinden. Solange ich dabei bleiben durfte, musste ich brav sein, für meine Mutter gut vorzeigbar sein, eben funktionieren.

In späteren Jahren bin ich gleich verschwunden, sobald Gäste kamen. Das war aber auch wieder nicht richtig. Es gab einen Zeitraum – in dem ich gut gelitten war und gar „gebraucht“ wurde – für Mutters Schein – und danach einen zweiten Zeitpunkt (ab wann?), zu dem ich zu verschwinden hatte, wo mein interessierter „Beitrag“ auch nicht mehr gewollt war.

Heute habe ich Routine: ich verschwinde, sobald klar strukturierte Zeit (das Programm) dem Ende entgegensteuert. Wenn „Pause“ entsteht und angesagt ist, bin ich schon weg. In dieser Zeit des Small Talks(Tagungen, Feste) hängt jeder Kontakt von der Initiative der Beteiligten ab. Es ist die Zeit, wo neben dem small talk auch das „Wirkliche“ zwischen Menschen Platz greifen könnte. Aber ohne mich.

Ich verschwinde, heimlich unbemerkt. Also folglich ohne Abschied, da meine Rückzugsvorbereitungen ja sonst von jemand bemerkt werden würden. Falls jemand meinen Abgang bemerken würde und mich festhielte mit „Waas, du willst schon gehen?!“, dann müsste ich ja Argumente haben oder dableiben und die „offene Zeit“ weiter ertragen, dann wäre ich mitten drin im Kampf um Aufmerksamkeit.

Offene Zeit, ungeregelte Zeit = bedrohliche Zeit.
Das, was gern gesehen ist und was nicht, müsste ich in dieser Zeit selbst herausfinden. Das strengt mich sehr an, weil Akzeptiertsein und Ablehnung auf dem Spiel stehen. Diese spontane Zeit, die für mich „Bewährungs- und Probezeit“ ist, meide ich nach Möglichkeit. „Es“ treibt mich einfach weg.

Das Zusammensein mit vielen anderen besteht für mich stark aus diesem Bestehens-Druck. Besonders auch, wenn mir nahe stehende Personen darunter sind, auch sie konfrontieren mich nachher und fällen das Urteil – über mich. (Im Zweierkontakt ist das anders, der anderen Person fühle ich mich dann nicht so hilflos ausgesetzt.)

Zur Sicherheit entziehe ich mich:
– fahre nicht gern in Urlaub
– meide Feste und Begegnungen(gesellige Zusammenkünfte)
– zeige mich nicht gern, spreche ungern und nur kurz von mir
– halte Kontakte allgemein auf Distanz.

Auf diese Weise bleibe ich „verschont“ und kann nicht richtig gesehen werden, aber auch nicht verurteilt. Ich verschwinde, bevor jemand richtig auf mich aufmerksam wird und mir die Freiheit nehmen könnte, zu verschwinden(in die Unangreifbarkeit). Ich wurde also mein Leben lang nicht richtig gesehen, häufig übersehen, nicht erkannt, aber auch nicht erwischt.

Die Bestätigung von Wichtigkeit und Bedeutung durch die Außenwelt(Auszeichnungen) ist mir „unangenehm“ – wenn auch versteckt ersehnt. Durch das rechtzeitige Entziehen (auch Abbrechen) ging dieser Kelch auch weitestgehend an mir vorüber. (Schon im Elternhaus wurde das norddeutsch-brittische Schweigen gelernt: „Mehr Sein als Schein“ ).
Darüber habe ich das Geschehen scheinbar in der Hand. Ganz anders wäre es, wenn ich bliebe.

Durch das Entziehen, das Nicht-Mitmachen halte ich mich raus, nehme nicht teil und bin auch nicht Teil. Natürlich bin ich nicht verheiratet, habe keine Familie gegründet. So festigt sich ein Selbst-Bewusstsein über mein randständiges Dasein. Damit habe ich schon in der Kindheit gelernt umzugehen(Lesen, Selbstbeschäftigungen). Darin fühle ich mich „Zuhause“. Als verwöhntes Kind meiner narzisstischen Mutter wurde mir die Sonderrolle auch belassen und zugewiesen. Ich musste nicht teilhaben, musste mich nicht beteiligen, ich war von vielem freigestellt.

In meinem beruflichen Feld konnte ich später Jugendliche begleiten, die ebenso in Gefahr stehen, an ihren Möglichkeiten vorbei zu gehen. Ich kann mich in sie gut hinein versetzen. Ihr Flucht- und Vermeidungsverhalten ist mir allzu bekannt.
Ich erwische mich dabei, sie sollen stellvertretend für mich…. Für mich selbst habe ich „es“ abgeschrieben.

Richte mich in dem ein, was mir bisher möglich war. Ich habe mich mit diesem Leben abgefunden. Ich werde also auch geräuschlos und relativ folgenlos für immer verschwinden. In dieser Weise plane ich auch jetzt schon meinen letzten Abschied.
Ich werde nur wenige Spuren hinterlassen, weil ich auch nur zögernd-zaghaft aufgetreten bin.
Ich bleibe mir treu. Was will man mehr?

Herr F geht also zur „biografischen Beratung“, dort – in der Gruppe – hat er ein Forum für seine Geschichte(n). Er könnte heutzutage auch viele andere Hilfsangebote in Anspruch nehmen
Ist das gut?  Was will er dort? Was bekommt er dort?

Als mögliche Ansprechpartner für ihn fallen mir ein: Krisenberatung, Therapie (Schule A-Z), Lebensberatung, Seelsorge, Philosophische Beratung, esoterische Wege zur Erfülllung, Familienaufstellung nach XY, Biografische Schreibwerkstatt, VHS-Kurs „Wer bin ich“ und „Entdecke deine Resilienz“, Angebote aus dem Topf: Perspektivenberatung und Personalentwicklung, Life-usw-Coaching, usw. usf.

Ist dieses breite Spektrum, eine „Qualität“, ja ein Prä unserer Lebensweise und Gesellschaft? Für jeden ist etwas dabei! Oder ist es gerade ein Anzeichen für eine Pervertierung? Muss ich heute kaufen, was früher – noch nicht zerstört war und so – als Defizitgefühl gar nicht auftrat bzw. in der „Lebenswelt“ außerhalb professioneller Hilfe aufgefangen wurde?

Helfen die Angebote? Wie weit/tief trägt ihre Hilfe? Welche Bilder von Entwicklung /Erwachsenwerden liegen ihnen zugrunde? Wie weit können sie „das Ganze“ erfassen?

Wie viel Geld „dürfen“ mit der „strukturellen Not“ von Menschen andere Menschen verdienen?

Ist Herr F, der oben sich offenbarende Mann, selbst schuld, wenn er das nötige Geld für weitere Unterstützungsangebote nicht ausgibt?
Wenn er diese Kurse und Beratungen nicht mehr zahlen kann oder will, ist das seine Verantwortung? Selber schuld! Sein Problem?

Wo liegt die Grenze zwischen
a) aus der Not heraus Hilfsangebote nutzen zu müssen und
b) dem inneren Impuls wachsen und wissen zu wollen (Wer war ich , wer ich bin, will ich sein?).

Es ist, glaube ich, nicht gut, wenn hier auf dem „Lebenshilfe-Markt“ nicht unterschieden wird. So schwer eine Grenzziehung auch praktisch sein wird: Der Markt der (Überlebens-) Bedürftigkeit und der des „luxuriösen Wachstums“ sollten voneinander getrennt werden. Wenn es denn schon Befriedigungs-Märkte – was bezahlt wird, läuft – ein müssen.

Denn unter Laissez-faire-Umständen entwickelt sich schnell über den Markt die Trennung zwischen lukrativen „Entwicklungsangeboten“ für Lebensoptimierer und Wellnessenthusiasten – eben den so geschätzten „Leistungsträgern“ – und den letztlich vom Sozialstaat zu bezahlenden Kriseninterventionen auf der anderen Seite.

Nochmal zurück zu den Anfängen: Das Neugeborene findet die Welt vor. Die Welt, die andere umgestaltet haben, es sucht sich nicht aus, sondern muss damit umgehen, was es „mitbekommen“ wird. Ich denke, das Leben im „Wohlfahrts-Kapitalismus“ unserer Gesellschaft (zwischen Familie und Vater-Staat ) ist – für obige Klienten – wegen der schlechten Startchancen, derart defizitär und „behindernd“ verlaufen, dass die Allgemeinheit – wegen dieser Vernachlässigung und dem Vorenthalten – etwas wieder gut zu machen hat. Im Sinne eines kompensierenden Sozialstaats wäre etwas (ein Ausgleich) zu entwickeln, das nicht nur der simplen Marktlogik folgt und dem erwachsenen Leidenden nicht – wie gegenwärtig – paternalistisch kommt sowie ihn zuerst mit einer Honorarforderung durch den konsultierten professionellen Helfer konfrontiert.

Oder haben Therapeuten recht,  die jegliche Verantwortung für den Lauf des Lebens (für das Skript des Lebens) den belasteten Betroffenen selbst zuschreiben. Ihr – meist nur vorsichtig vorgetragener – Ausruf der Bringschuld lautet: Versuchen Sie endlich erwachsen(?) zu werden und die Verantwortung für Ihr Leben zu übernehmen!